Die Welt ist ungerecht

Shownotes

In dieser Folge spreche ich über:

  • Das Public Viewing am 4. Juli 2006… und was danach in mir passiert ist
  • Das Figo-Trikot als trotzige Geste … und was sie wirklich bedeutet hat
  • Emotionale Dysregulation bei ADHS: Warum Wissen allein nicht hilft
  • Den Unterschied zwischen neurotypischen Menschen und einem ADHS-Gehirn in emotional aufgeladenen Momenten
  • Die doppelte Verstärkung von ADHS und frühem Trauma
  • Warum man sich als informierter Zuschauer im eigenen Leben fühlt und wie erschöpfend das ist

Mein Buch: Herzschlag im Nebel All diese Muster, Schutzreaktionen, emotionale Überwältigung, das Gefühl der Welt nicht zu folgen, finden sich in meinem Buch wieder. Erzählt aus der Perspektive eines zehnjährigen Kindes. Das ist meine Geschichte. Erhältlich bei Amazon: Link

Transkript anzeigen

00:00:03: Spurensuche Wege aus dem Trauma.

00:00:07: Ich bin Timo, Berater Coach und jemand der selbst lange gesucht hat.

00:00:12: In diesem Podcast folge ich den Spuren die ADHS und Trauma im Leben hinterlassen – nicht aus der Vogelperspektive sondern von innen mit allem was dazu gehört!

00:00:23: Den Umwegen, den Mustern, den Momenten die man erst Jahrzehnte später versteht.

00:00:28: Willkommen bei Spuren-Suche.

00:00:34: Es ist der vierte Juli, zwei Tausend und sechs.

00:00:37: Deutschland gegen Italien Halbfinale der Weltmeisterschaft im eigenen Land.

00:00:43: Ich stand in Public Fury Hunderte wenn ich sogar tausende Menschen um mich herum.

00:00:48: Die hundertneunzehnte Minute Verlängerung Zwei Tore in drei Minuten Deutschland verliert.

00:00:56: In diesem Moment war ich noch okay die Menge war betäubt Ich war beträubt Man stand einfach da.

00:01:02: Was danach kam hat sich aufgebaut Langsam wie ein Kessel, der immer heißer wird.

00:01:08: Und vier Tage später saß ich beim Spiel um Platz drei bei Freunden zusammen mit meiner heutigen Frau in einem Luis Figo-Trico Portugal einfach aus Trotz.

00:01:19: Ich war Deutscher!

00:01:20: Ich habe kein einziges Wort Portugiesisch gesprochen.

00:01:23: Ich kannte Luis Figa aus dem Fernsehen, wusste wo er spielt aber auch sonst nichts.

00:01:29: Aber es musste sein.

00:01:31: In dieser Folge spreche ich mit jemandem, der das vollkommen nachvollziehbar fand der es verteidigen würde, wenn man ihn fragte.

00:01:38: Ich spreche mit mir selbst von

00:01:40: damals."

00:01:43: Das Figo-Trikot!

00:01:45: Was ist denn damit?

00:01:46: Erklär mir

00:01:46: das!".

00:01:46: – »Das braucht keine Erklärung.

00:01:48: Deutschland hat verloren.

00:01:50: Ungerecht verloren.

00:01:52: Als habe ich mich geweigert so zu tun als wäre das alles normal.

00:01:55: Du hast ein Portugal-Triko angezogen um Deutschland zu bestrafen.

00:01:59: So würde ich das jetzt nicht nennen.

00:02:01: Wie würdest du es

00:02:02: nennen?".

00:02:03: Ein Statement!

00:02:04: Ich wollte zeigen, dass ich mit diesem Ergebnis nicht einverstanden bin.

00:02:07: Gegenüber wem?

00:02:09: Deiner zukünftigen Frau?

00:02:11: Den Freunden dem Fernseher?

00:02:13: Gegenüber allen... Es hat sich einfach falsch angefühlt und ich wollte es nicht verstecken.

00:02:17: Deine Freunde haben das kommentiert?

00:02:19: Ja die fanden das total übertrieben und wollten mich eigentlich auch gar nicht reinlassen als sie gesehen haben welches Trikot ich anhab'.

00:02:25: Und deine spätere Frau?

00:02:26: Die kannte solche Spielchen ja schon von mir Aber ihr habt mich angeschaut als wäre ich ein fremdes Wesen Aber du hast das Trikot trotzdem nicht ausgezogen?

00:02:35: Nein, natürlich nicht.

00:02:37: Was ist direkt nach dem Schlussfiff passiert im Public Viewing?

00:02:41: Na ja die Leute um mich herum waren erst mal still.

00:02:44: Manche haben geweint, manche haben sich umarmt.

00:02:47: Die meisten haben einfach dargestanden und du?

00:02:49: Ich bin gegangen!

00:02:50: Ich wollte einfach weg ich wollte einfach raus.

00:02:53: ich konnte das nicht.

00:02:54: dieses kollektive Trauern... Das hat sich einfach falsch angefühlt.

00:02:58: Falsch wie irgendwie zu harmlos als wäre das nur eine Enttäuschung.

00:03:02: Aber ich hatte das Gefühl, dass da etwas viel größeres passiert ist.

00:03:06: Was denn größeres?

00:03:09: Das wusste ich damals nicht!

00:03:10: Ich wusste nur, dass es sich riesig angefühlt hat.

00:03:12: Viel, viel größer als nur so ein Fußballspiel.

00:03:15: Riesig und niemand um dich herum hat das so empfunden.

00:03:20: Nein... Die sind danach noch zusammengeblieben und haben geredet.

00:03:24: Ich bin nach Hause.

00:03:26: Allein?

00:03:27: Nein mit meiner Freundin aber trotzdem war das Gefühl von allein sein einfach da.

00:03:33: Hast du in dem Moment gewusst, dass deine Reaktion anders war als die der Menschen um dich herum?

00:03:38: Ja natürlich.

00:03:39: Das war überhaupt nichts zu übersehen!

00:03:41: Und was hast du damit

00:03:41: gemacht?!

00:03:44: Nichts... Was hätte ich denn machen sollen?

00:03:46: Du hättest bleiben können.

00:03:48: Dich zusammenreißen können Den Abend trotzdem genießen.

00:03:52: Ich wusste das.

00:03:53: ich das sollte.

00:03:54: Ich-Ich wusst auch, dass alle anderen das so gemacht haben.

00:03:57: Die haben das Spiel verloren, waren enttäuscht und haben dann trotzdem noch zusammen ein Bier getrunken und gelacht.

00:04:03: Ich konnte das nicht.

00:04:04: Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil es in mir groß war, dass da kein Platz mehr für Getränke und Lachen

00:04:10: war.".

00:04:11: Das Wissen hat also nichts geändert?

00:04:14: Nein!

00:04:15: Das Wissene hat gar nix geändert... ...das ist das Schlimmste daran.

00:04:19: Man sieht sich selbst von außen und kann trotzdem nicht eingreifen.

00:04:33: Dieses Gefühl, das etwas fundamental ungerecht läuft.

00:04:37: Dass der Einsatz da war, die Mühe da war und das Ergebnis trotzdem falsch ist?

00:04:42: Nein... Das war nicht das erste Mal Wander vor im Studium bzw bei einem von den Studiengängen.

00:04:50: Das Experiment hat nicht funktioniert oder es war total langweilig.

00:04:54: Monat ja lang!

00:04:55: Ich hab alles versucht ich habe alles richtig gemacht Also, soweit ich das beurteilen konnte und es hat trotzdem nicht funktioniert.

00:05:01: Das Studium hat sich dann verlängert und ich hatte das Gefühl dass das ganze System gegen mich arbeitet!

00:05:07: Das System?

00:05:08: Ja...die Betreuer die Umstände, die Geräte Irgendwas hat immer gefehlt.

00:05:14: Und davor vor dem Studium vielleicht im Verein wenn ich nicht aufgestellt wurde obwohl ich meiner Meinung nach besser war als andere Wenn Entscheidungen getroffen wurden, die ich nicht nah vollziehen konnte.

00:05:28: Erkennst du das Muster?

00:05:29: Das waren echte Ungerechtigkeiten.

00:05:32: Ich bild mir das nicht ein!

00:05:58: Emotionalen Reaktionen an die jeweilige Situation anzupassen.

00:06:03: Das Fußballspiel löst die gleiche innere Alarmreaktion aus wie eine echte existenzielle Bedrohung, das Gehirn unterscheidet es in diesem Moment kaum.

00:06:13: Das ist übrigens einer der am meisten unterschätzten Aspekte von ADHS und gleichzeitig aber auch einer der schmerzhaftesten.

00:06:21: Es geht nicht um fehlende Einsicht!

00:06:24: Die meisten Menschen mit ADHS oder auch Hochsensibilität wissen in dem Moment sehr genau, dass ihre Reaktion außer Verhältnis ist.

00:06:32: Sie sehen die anderen, sie vergleichen und merken den Unterschied.

00:06:37: Das Wissen ist da – aber die Steuerung fehlt!

00:06:41: Das ist fundamental anders als bei neurotypischen Menschen.

00:06:45: Wer keine emotionale Disregulation kennt, der denkt «wenn ich weiß, das sich übertreibe, kann nicht aufhören».

00:06:51: Ist eine logische Annahme für ein ADHS-Gehirn?

00:06:55: Stimmt das einfach

00:06:56: nicht?!

00:06:56: Die Bremse und das Wissen um die Bremsen sind zwei verschiedene Systeme.

00:07:00: Man kann wissen, dass man bremsen sollte – und trotzdem nicht bremsen können!

00:07:05: Das ist kein Versagen, das ist Neurobiologie.

00:07:09: Und wer das über sich selbst weiß?

00:07:11: Wer sich selbst dabei zusieht und trotzdem nichts ändern

00:07:13: kann?!

00:07:14: Der trägt eine sehr spezifische Art von Erschöpfung mit sich.

00:07:18: Die Erschöfffung des informierten Zuschauers im eigenen Leben.

00:07:22: Das ist keinen Kontrollverlust.

00:07:24: Das is auch kein Charakterfehler.

00:07:25: Nochmal, das es Neurobiologie.

00:07:28: Aber da ist noch was anderes.

00:07:29: Das Muster, das sich durch all diese Momente zieht – Fußball, Studium, Verein, Arbeit… Ist nicht nur Disregulation!

00:07:37: Es ist auch eine sehr früh gelernte Überzeugung wenn ich scheitere legts am System und den anderen an den Umständen.

00:07:45: Das ist eine Schutzreaktion.

00:07:47: Eine die irgendwann sehr sinnvoll war.

00:07:49: Eine, die verhindert hat dass ein Kind das bereits genug Druck hatte, sich selbst als Grundlegend kaputt betrachtet.

00:07:58: Diese Schutzreaktion hält irgendwann auf.

00:08:00: Sie schützt dann vor dem Lernen, vor dem Hinschauen und vor dem Erkennen was wirklich passiert!

00:08:06: Und das ist die Verbindung zwischen ADHS und Trauma, die mich interessiert Die Schutzschicht, die sinnvoll war und die irgendwann zu einem Muster wird dass man nicht mehr ablegen kann ohne hinzuschauen.

00:08:18: Wenn das Gehirn dauerhaft in erhöhter Alarmbereitschaft ist Was bei früh um Trauma häufig passiert Dann verliert es die Fähigkeit zur Verhältnismäßigkeit.

00:08:28: Es gibt hier niemanden, der sagt ich will das genauso.

00:08:32: Aber meistens ist es so dass das Nervensystem einfach gelernt hat, dass kleine Dinge große Folgen haben können.

00:08:39: Das ist eine sehr sinnvolle Anpassung in einer Umgebung die unberechenbar war.

00:08:43: Das Problem entsteht dann aber später wenn die Umgebungen sicherer wird?

00:08:48: Aber das Nervensystem das einfach nur nicht weiß!

00:08:50: Dann schlägt's weiter Alarm beim Fußballspiel und Praktikum im Verein bei der Arbeit Überall, wo etwas dich läuft wie erwartet.

00:08:59: Und ADHS verstärkt das auch noch?

00:09:02: Weil das ADHS-Gehirn ohnehin Schwierigkeiten hat emotionale Reaktionen zu bremsen!

00:09:08: Die Bremse greift einfach viel später und zugegebenermaßen auch noch schwächer – manchmal sogar gar nicht.

00:09:15: Was entsteht ist dabei eine doppelte Verstärkung.

00:09:18: Das Trauma sagt sei auf der Hut alles kann kippen.

00:09:23: Und adhs sagt wenn es kippt Kannst du die Reaktion nicht gut regulieren?

00:09:28: Und das Ergebnis kennen viele.

00:09:30: Auch ohne, dass sie diese Begriffe dafür hatten.

00:09:33: Gehen wir noch mal zurück zum Gespräch!

00:09:35: Ich hätte noch eine letzte Frage an mein frühere Sich ja... Die Suche nach dem, was wirklich passiert ist und vor allen Dingen warum.

00:10:02: Bevor ich mich jetzt verabschiede noch ein kurzer Hinweis auf mein aktuelles Buch Das heißt Herzschlag im Nebel Und es erzählt von einem zehnjährigen Kind das Muster erlebt die er nicht benennen kann.

00:10:14: Das Mechanismen spürt die es nicht versteht und dass sich seinen Weg bahnt durch eine Welt die sich manchmal wie nebel anfühlt Dicht und durchsichtig ohne eine klare Richtung.

00:10:26: Es ist eine Geschichte Aber es ist auch zum Teil meine Geschichte.

00:10:30: Alles was ich hier im Podcast erzähle, die Muster, die Schutzreaktion und die langen Umwege findet sich ja dort wieder nur durch die Augen eines Kindes.

00:10:39: Herzschlag im Nebel ist bei Amazon erhältlich.

00:10:42: Den Link findest du in den Show notes.

00:10:46: Das war Spurensuche Wege aus dem Trauma.

00:10:49: Wenn Du selbst auf Spuren suchst In Deiner Geschichte Mit Deinen Mustern dann komm wieder.

00:10:55: Jede zweite Woche gibt's eine neue Folge Und wenn diese Folge etwas in dir angestoßen hat, teile sie mit jemandem, dem ihr helfen könnt.

00:11:04: Also bis zum nächsten Mal und mach's gut!

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